Die 10 schönsten Wasserfälle in Norwegen

Norwegen hat mehr Wasserfälle pro Fläche als jedes andere europäische Land — das Ergebnis von über 50.000 Gletschern in der Kleinen Eiszeit, die enge Täler in breite Fjorde einschnitten, und von einem atlantischen Klima, das reichlich Niederschlag auf die Hochfjelds bringt. Sechs der zwanzig höchsten Wasserfälle der Welt sind norwegisch. Das Land hat auch die Infrastruktur, sie zu zeigen: Serpentinenstraßen, Fähren und Wanderwege, die direkt zu den Fällen führen oder dahinter entlanglaufen. Alle hier genannten Fälle sind auf der Karte verzeichnet.
1. Vinnufossen, Møre og Romsdal
Der Vinnufossen im Sunndalen-Tal fällt 860 Meter und ist damit Norwegens höchster Wasserfall und einer der höchsten der Welt. Er fällt in fünf Stufen vom Vinnu-Gletscher auf dem Vinnufjellet-Plateau in das Tal nahe Sunndalsøra, wo der Sunndalsfjord endet und die Straße Route 70 das Tal hinaufführt. Der Wasserfall ist von der Talstraße aus sichtbar; ein kurzer Wanderweg führt näher heran, aber ein Abstieg zur Basis ist nicht vorgesehen. Maximale Wasserführung liegt zwischen Juni und Juli, wenn die Hochlageschneeschmelze einige Wochen lang einen intensiven Strom produziert. Der Vinnufossen ist kein überlaufenes Tourismusziel — die Sunndalen-Region empfängt wenige internationale Besucher verglichen mit Hardanger oder Geiranger, was ihn für jene geeignet macht, die den höchsten Fall Norwegens ohne Massentourismus erleben möchten.
2. Mongefossen, Møre og Romsdal
Der Mongefossen fällt 773 Meter in das Romsdalen-Tal und ist Norwegens zweithöchster Wasserfall. Er stürzt in mehreren Stufen vom Mongejuvet-Kessel im Rauma-Massiv auf die Talsohle der E136 zwischen Åndalsnes und Dombås hinab. Das Romsdalen ist eines der dramatischsten Täler Norwegens: senkrechte Granitwände wie die Trollveggen — die höchste senkrechte Felswand Europas mit 1.100 Metern Direkthöhe — rahmen das Tal. Die Raumabahn, eine der schönsten Eisenbahnstrecken Europas, durchquert das Tal von Dombås nach Åndalsnes und bietet vom Zugfenster eine Perspektive auf den Mongefossen, die mit dem Auto nicht zu erreichen ist. Kein offizieller Wanderweg zur Basis.
3. Mardalsfossen, Møre og Romsdal
Der Mardalsfossen fällt insgesamt 701 Meter in den Eikesdalsvatnet, davon 297 Meter im ersten freien Schritt — eines der längsten einzelnen Fallstücke Europas. Er liegt in Nesset im Romsdalen-Gebiet, zugänglich über die Eikesdalsstraße von Eidsvåg. Die Besonderheit des Mardalsfossen: Er ist reguliert. Ein Dammprojekt aus den 1970er Jahren leitet den Großteil des Wassers für ein Wasserkraftwerk ab; der Fall läuft nur an bestimmten Wochenenden von Mitte Juli bis Mitte August auf vollem Naturfluss, wenn der Betreiber Eikesdal Kraftverk den Nebenschluss öffnet. An diesen Tagen wird der Mardalsfossen zum Spektakel der Extraklasse. Bootausflüge auf dem Eikesdalsvatnet bieten die beste Perspektive auf den vollen 701-Meter-Fall von der Seeebene.
4. Vøringsfossen, Hardanger
Der Vøringsfossen auf dem Bjoreia-Fluss in der Provinz Hardanger ist der bekannteste Fall Norwegens unter Touristen: 182 Meter Direktsturz vom Rand der Hardangervidda in die Måbødalen-Schlucht. Ein neuer Aussichtsturm namens Fossatun (eingeweiht 2021) hängt direkt über dem Absturzpunkt auf der Hochplatauseite und bietet eine Vogelblick-Perspektive in die Tiefe. Ein separater Pfad (ca. 4 km von Eidfjord aus) führt zum Fuß des Falls in der Schlucht. Die Umgebung — tiefer Fjordarm des Eidfjord unter einem Hochplateau — ist spektakulär. Im Sommer touristisch sehr belebt, besonders an Wochenenden; früh morgens für ruhigere Momente. Zufahrt über die Hardangervidda-Bergstraße (saisonal geöffnet) oder von Eidfjord bergauf.
5. Sieben Schwestern, Geirangerfjord
Die Sieben Schwestern (De syv søstrene) sind sieben parallele Wasserfälle, die von einer Hochplateau-Kante an der Nordseite des Geirangerfjords fallen. Die Gruppe misst in der Breite etwa 250 Meter; die einzelnen Schwestern fallen zwischen 250 und 410 Meter. Gegenüber auf der Südseite antwortet der Friaren (der Freier) mit einem einzelnen Strom — Volkslegende: der Freier trinkt aus einer Flasche (der Alkohol in Flaschform sichtbar bei gutem Fluss) und versucht die Schwestern zu gewinnen. Beide Seiten des Fjords sind von der Hellesylt–Geiranger-Fähre aus zu sehen, die ca. 65 Minuten dauert und zu den schönsten Kurzfähren Europas zählt. Der Geirangerfjord ist UNESCO-Welterbe seit 2005. Die Sieben Schwestern haben ihr stärkstes Volumen von Mai bis Juli durch Schneeschmelze vom Hochplateau.
6. Steindalsfossen, Hardanger
Der Steindalsfossen nahe Norheimsund in Hardanger ist ein 50-Meter-Fall mit einem begehbaren Weg direkt hinter dem Wasserfall. Ein Felsüberhang wölbt die Abbruchwand nach außen und schützt eine trockene Nische dahinter; der offizielle Weg, 1887 in den Fels geschnitten, führt direkt hinter dem Vorhang entlang, ohne dass man nass wird. Kurzer Abstieg vom Parkplatz an der Route 13; für Kinder und Ältere gut machbar. Ganzjährig geöffnet; kein Eintrittsgeld. Der Steindalsfossen ist einer der wenigen Wasserfälle Europas mit kostenlosem Dahinterlaufweg und ist daher beliebt als Familienziel.
7. Låtefoss, Hardanger
Der Låtefoss bei Odda in Hardanger ist ein Zwillings-Wasserfall — zwei getrennte Flüsse (Loteelvi und Holma) fallen von der Hochebene parallel aus verschiedenen Richtungen und vereinen sich in einer gemeinsamen Basis direkt neben der alten Nationalstraße 13. Ein historischer Steinbogen-Steg überspannt den Zusammenfluss genau zwischen den zwei Stürzen. Die Steinbrücke und die dramatische Symmetrie der zwei Fälle machen Låtefoss zu einem der fotogensten Punkte in Hardanger. Ganzjährig zugänglich; Parkplatz an der Route 13 zwischen Odda und Røldal. Freier Zugang, kein Eintritt.
8. Kjosfossen, Sogn og Fjordane
Der Kjosfossen ist ein 225-Meter-Wasserfall an der Flåmsbana-Bahnlinie, einer der berühmtesten Touristenbahnen Europas, die von Myrdal nach Flåm hinunter führt. Züge der Flåmsbana halten schematisch an der kleinen Station Kjosfossen — im Sommer 5 Minuten — damit Passagiere den Fall fotografieren können. In der Hauptsaison tritt eine Schauspielerin in rotem Kleid an einem Felsvorsprung nahe dem Fall auf und verkörpert eine Huldra (mythologisches Waldwesen). Die Flåmsbana selbst gilt als eine der steilsten konventionellen Zahnstangenstrecken der Welt und überwindet 864 Höhenmeter auf 20 km. Der Kjosfossen ist im Winter ebenfalls beeindruckend, wenn Eis die Felswände umhüllt; der Zug hält dann aber nicht an.
9. Tvindefossen, Voss
Der Tvindefossen nahe Voss in Vestland fällt 152 Meter als breiten, mehrfach gespaltenen Horsetail-Fall, der sich am Fuß auf bis zu 60 Meter Breite ausdehnt. Er ist direkt von der E16 zwischen Voss und Gudvangen sichtbar; Parkplatz und 10-minütige Flachpromenade führen zur Basis. Ganzjährig zugänglich; kein Eintrittsgeld. Der Tvindefossen-Campingplatz direkt neben dem Fall ermöglicht Übernachtung mit Wasserfall-Panorama. Die Voss-Region ist außerdem für Wildwasser-Kajak auf der Vosso, Paragliding vom Hangur-Plateau und Skisport am Voss Resort bekannt.
10. Sørfossen, Nordland
Der Sørfossen am Svartisgletscher nahe Melfjordbotn im Fylke Nordland wird von der Svartisen-Gletscherzunge gespeist und behält daher auch in trockenen Sommerphasen, wenn andere Fälle schrumpfen, ein starkes Volumen. Der Svartisen ist der zweitgrößte Gletscher Norwegens und liegt nördlich des Polarkreises. Der Zugang erfolgt mit Boot über den Svartisvatnet (Bootsverbindung ab Holandsvika) und einer dreistündigen Wanderung bergauf zu Gletscherkante und Fall. Beste Reisezeit Juli und August, wenn die Bootsverbindung regulär verkehrt.
Fjord-Fähren als Wasserfall-Aussichtsplattformen
Ein spezifischer Vorteil des norwegischen Wasserfall-Tourismus: Viele der schönsten Fälle sind von Fähren aus zu sehen, die Teil des regulären öffentlichen Verkehrsnetzes sind. Die Geirangerfjord-Fähre zwischen Hellesylt und Geiranger (ca. 65 Minuten) fährt direkt an den Sieben Schwestern und dem Freier-Fall vorbei — beide Seiten des Fjords im gleichen Bogen. Die Nærøyfjord-Fähre von Gudvangen nach Flåm durchquert einen der engsten und höchsten Fjorde Europas mit mehreren Wasserfällen auf beiden Seiten. Die Fjord-Cruises auf öffentlichen Fähren kosten einen Bruchteil der Preise touristischer Kreuzfahrten und zeigen dasselbe Panorama. Mit dem Norway in a Nutshell-Kombipass sind viele dieser Verbindungen als Einheit buchbar.
Warum Norwegen so viele hohe Wasserfälle hat
Die Erklärung liegt in der Geomorphologie der letzten Eiszeit. Die skandinavischen Fjorde entstanden durch Gletscher, die enge Täler in das Gebirge schnitten und bis in den Meeresboden verlängerten. Nach dem Abschmelzen der Eisdecke blieben die Seitentäler auf höherem Niveau — sogenannte Hängetäler — deren Flüsse nun als Wasserfälle in die Hauptfjorde fallen. Je steiler der Fjord-Einschnitt und je höher das Hängetal, desto länger der Fall. Das ist der Mechanismus hinter Vinnufossen (860 Meter), den Sieben Schwestern, dem Kjosfossen und hunderten weiterer Fjord-Wasserfälle. Norwegen und Neuseeland sind die beiden Länder der Welt, die durch genau diesen glazialen Mechanismus die höchste Dichte an langen Wasserfällen besitzen.
Wasserkraft versus Naturschutz
Norwegen produziert fast den gesamten nationalen Strom aus Wasserkraft. Mehrere der schönsten Wasserfälle wurden im 20. Jahrhundert reguliert oder gestaut; der Mardalsfossen ist das bekannteste Beispiel — er läuft heute nur noch an bestimmten Wochenenden im Sommer auf vollem Fluss. Der öffentliche Druck zur Erhaltung von Wasserfällen hat in einigen Fällen zu Schutzentscheidungen geführt. Die meisten Fälle dieser Liste sind unreguliert; wo Regulierung stattfindet, ist sie auf der Website des jeweiligen Kraftwerksbetreibers oder der Gemeindeverwaltung vermerkt.
Planung der Reiseroute
Hardanger, Geiranger und Romsdalen enthalten mehr hochklassige Wasserfälle auf kürzerer Strecke als irgendwo sonst in Europa. Die Nationale Landschaftsroute Hardanger (Nr. 13) verbindet auf einer Tagesroute ab Bergen mehrere der Fälle dieser Liste: Tvindefossen bei Voss, Vøringsfossen an der Hardangervidda-Kante, Steindalsfossen nahe Norheimsund und Låtefoss nahe Odda. Ein zweiter Tag kann dem Geirangerfjord (Sieben Schwestern per Fähre) oder dem Romsdalen (Mongefossen, Trollveggen) gewidmet werden. Sommertourismus ist stark; Mai und September bieten ruhigere Bedingungen mit guter Wasserführung. Alle Standorte auf der Karte.